Internationaler Tag gegen Rassismus – Zusammen für die Menschenwürde
2026Gerade in Zeiten, in denen rassistisches Denken und Tun zunehmend den gesellschaftlichen Diskurs prägt und von Entscheidungsträger*innen nicht ausreichend begrenzt, sondern in Teilen sogar normalisiert und gefördert wird, ist es von höchster Bedeutung, dass die Zivilgesellschaft aktiv wird. In diesem Sinne ist lauter, eindeutiger Protest gegen demokratiefeindliche und gewaltverherrlichende rassistische Verhaltensweisen unerlässlich! … aber gleichzeitig nicht ausreichend. Denn aus den verschiedenen Disziplinen der Sozialwissenschaften und Berichten von Menschen, die rassistische Diskriminierung erleben, wissen wir: Rassismus kommt auch in unscheinbareren Formen und reicht oft weiter in die Allgemeingesellschaft hinein, als vielen bewusst ist.
Was ist Rassismus?
Das Dorsch Lexikon der Psychologie definiert Rassismus als „[…] ein extremes Vorurteil, meist verknüpft mit diskriminierendem Verhalten gegenüber Personen oder Gruppe[n] […], die einer anderen Ethnie («Rasse») angehören“ (1) oder – noch weiter gefasst – denen eine andere Herkunft zugeschrieben wird. Beim Lesen dieser Definition werden Sie bestimmt diverse Vorstellungen darüber haben, was alles unter den Begriff Rassismus fällt. Dabei werden sicherlich Bilder hochkommen wie Brandanschläge gegen Flüchtlingsheime, körperliche Angriffe von Neo-Nazis auf Menschen mit dunkler Hautfarbe, aber auch klassische Hassparolen wie „Ausländer raus!“ oder abwertende Verallgemeinerungen wie „Die sind alle faul!“. Dies sind alles Beispiele für Verhaltensweisen, die in der Forschung als „traditioneller Rassismus“ eingeordnet werden (2). Es handelt sich hierbei um rassistische Verhaltensweisen, die die meisten Menschen in unserer Gesellschaft klar als rassistisch wahrnehmen und betiteln würden. Damit geht einher, dass diese Formen von Rassismus von den meisten geächtet und auch bekämpft werden. Doch aus Berichten von Menschen, die Diskriminierung aufgrund einer ihr zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit erlebt haben, wissen wir, dass Rassismus mehr ist als offenkundige Gewalt und eindeutige verbale Angriffe.
Subtilere Formen von Rassismus?
Die sozialwissenschaftliche Forschung unterscheidet zwischen dem oben beschriebenen „traditionellen“ und dem sogenannten „neuen“ oder „modernen“ Rassismus (1, 2). Moderner Rassismus beinhaltet dabei unter anderem Verhalten, das weniger eindeutig als rassistisch identifiziert wird. Es handelt sich dabei um Verhaltensweisen, die subtil darauf hinweisen, dass im Hintergrund vermutlich Gedankengut existiert, welches pauschale Zuschreibungen bestimmter Eigenschaften aufgrund einer wahrgenommenen ethnischen Gruppenzugehörigkeit beinhaltet. Nicht selten ist diese Form des rassistischen Denkens und Verhaltens unbewusst sowie unbeabsichtigt. Oft gehen sie mit weniger extremen Vorurteilen einher und werden dadurch auch nicht als rassistisch wahrgenommen oder eingeordnet. Und dennoch führen sie letztlich dazu, dass viele Menschen ungleich behandelt, diskriminiert und herabgewürdigt werden.
Beispiele für Diskriminierung als Folge von subtilem Rassismus
Rassistisches Gedankengut, egal welcher Intensität oder Ausprägung, kann das Verhalten von Menschen leiten, somit in fast jedem Lebensbereich zu Diskriminierung führen und das Leben der Betroffenen nachhaltig beeinflussen. So zeigte sich beispielsweise, dass aufgrund pauschaler Annahmen gegenüber jungen türkisch- und arabischstämmigen Männern Polizist*innen im Mittel (also unabhängig vom Anlass) zu verstärkt machtbetonterem Verhalten neigen (3). Weiterhin erleben „nicht-weiße Menschen“ aufgrund der Ihnen unterstellten Gruppenzugehörigkeit zu einer anderen ethnischen Gruppe mehr körperliche Gewalt durch Polizist*innen (4).
Doch auch bei alltäglicheren Themen wie bei Bewerbungen zeigen sich die Folgen von subtilem Rassismus. So zeigte sich in einer Feldstudie der Universität Siegen, dass bei Anfragen zu ausgeschriebenen Azubi-Stellen Menschen mit nicht-deutsch klingenden Namen (sondern z.B. russisch- oder hebräisch-klingenden Namen) weniger Antworten erhielten als Menschen mit deutsch klingenden Namen – selbst bei ausgezeichneten akademischen Leistungen (5, 6). Weiterhin zeigte sich in einer Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, dass bei Bewerbungen auf reale Wohnungsanzeigen, bei denen nur der Herkunftsbezug der Namen der Bewerber*innen variierte, die vermeintliche Herkunft der Bewerber*innen eine Rolle spielte. So erhielten Menschen, deren Name sprachlich aus Ländern des Nahen Ostens, Nordafrikas oder der Türkei stammt, mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit eine Einladung zur Besichtigung als Menschen, deren Name deutsch klang – trotz anderweitig identischer Bewerbungen (7).
Nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern auch im Gesundheitswesen und staatlichen Institutionen, lassen sich Folgen von subtilem Rassismus finden. So zeigt sich, dass Patient*innen mit in Nigeria oder der Türkei verbreiteten Namen weniger wahrscheinlich eine positive Rückmeldung auf ihre Terminanfrage bekommen, als Menschen mit deutsch-klingenden Namen. Auch zeigte sich, dass Frauen, mit ausländischem Herkunftsbezug medizinische Behandlungen verzögern oder vermeiden, da sie befürchten „nicht ernst genommen oder schlechter als andere behandelt zu werden“ (8: S.147, NaDiRa-Bericht 2023). Solche Erlebnisse und viele weitere finden sich in diversen Systemen. Auch in staatlichen Behörden wie Justiz-, Gesundheits-, Jugend- und Ordnungsämtern sowie Jobcentern sind auf unterschiedlichen Ebenen, in unterschiedlichem Ausmaß Folgen rassistischer Denk- und Handlungsmuster präsent (9) und haben einen negativen Einfluss auf die Betroffenen.
Nach und nach gibt es immer mehr Studien, die diese Zusammenhänge ermitteln und aufzeigen. Sie tragen dazu bei die Bandbreite, das Ausmaß, die Formen und die Komplexität rassistischer Diskriminierung in Deutschland besser zu verstehen. Doch was bedeutet das alles nun für unsere Gesellschaft und die einzelne Person?
Rassismus hier, Rassismus da, Rassismus überall – Was tun?
Menschen, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind, könnten sich nun die Frage stellen woher denn plötzlich all dieser Rassismus herkommt. Sie könnten verwundert sein, dass sie bisher nichts davon mitbekommen haben. Sie könnten sogar genervt davon sein, dass sie gefühlt überall damit konfrontiert werden. Menschen hingegen, die von Rassismus betroffen sind, würden vermutlich entgegnen, dass dieser Rassismus schon immer da war – nur nicht sichtbar für alle.
Die zunehmende Sichtbarkeit auch subtilen Rassismus und subtiler rassistischer Diskriminierung kann zunächst beide Gruppen – Betroffene und Nicht-Betroffene – überfordern. Gleichzeitig ist sie vonnöten. Denn ohne diese Sichtbarkeit vernachlässigen wir die Lebensrealität vieler Mitmenschen und lassen somit zu, dass sie im Zweifelsfall tagtäglich mit Verletzungen ihrer Menschenwürde konfrontiert sind.
In diesem Sinne möchten wir zum diesjährigen 21. März alle unsere Mitmenschen bitten und ermutigen sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen, aktiv zu werden und dazu beizutragen, dass wir alle in Menschenwürde leben können. Denn eines haben wir alle gleich: Wir sind alle Menschen und teilen uns diese Welt. Wie wir miteinander zusammenleben und einander behandeln liegt in unseren Händen – wir müssen aber hinschauen und ins bewusste Handeln kommen.
Veranstaltungen in Bonn anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus:
- Website der Stadt Bonn zur Aktionswoche gegen Rassismus 2026
- Flyer des Amtes für Integration und Vielfalt Bonn zu den internationalen Wochen gegen Rassismus 2026
- Veranstaltungskalender der Stiftung gegen Rassismus
Weiterführende Informationen für Menschen, die mehr über Rassismus lernen möchten:
- Rassismus erklärt in einfacher Sprache (Bundeszentrale für politische Bildung)
- Rassismus als Wahrnehmungssystem (Bundeszentrale für politische Bildung)
- „Offensichtlich und zugedeckt“- Alltagsrassismus in Deutschland (Bundeszentrale für politische Bildung)
- Was ist Rassismus? (Amadeu-Antionio-Stiftung)
- Lagebericht Rassismus in Deutschland – Fünfter Gemeinsamer Bericht an den Deutschen Bundestag (2023)
Ressourcen für Betroffene und Menschen, die sich antirassistisch engagieren möchten:
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes
- Beratungsangebot der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
- Wie kann man Hassparolen im Internet gut begegnen? Counterspeech im Netz (HateAid)
- Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt
- Was kann man gegen Rassismus tun? (Amadeu-Antonio-Stiftung)
- 7 Gründe für den Einsatz gegen Rassismus (Amnesty International)
- Glossar für diskriminierungssensible Sprache (Amnesty International)
- Taschenheld*in – 10 Anregungen um Haltung gegen Rassismus zu zeigen (Caritas Rheinberg)
Quellen:
- (1) https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/rassismus, letzter Abruf 17.03.2026
- (2) https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/rassismus/12448), letzter Abruf 17.03.2026
- (3) https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Struktureller-Rassismus-bei-der-Polizei-Das-sind-die-Risikopunkte,polizeistudie104.html, letzter Abruf 17.03.2026
- (4) https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Rechtsgutachten/polizei_studie_lang.pdf , letzter Abruf 18.03.2026
- (5) https://www.tagesschau.de/inland/ausbildung-migrationshintergrund-name-100.html, letzter Abruf 17.03.2026
- (6) https://www.uni-siegen.de/news/ausbildungsplaetze-herkunft-schlaegt-leistung, letzter Abruf 17.03.2026
- (7) https://www.dezim-institut.de/presse/wer-in-deutschland-wohnt-wohnt-nicht-gleich-schwarze-und-muslimische-menschen-besonders-betroffen/, letzter Abruf 17.03.2026
- (8) https://www.rassismusmonitor.de/fileadmin/user_upload/NaDiRa/Rassismus_Symptome/Rassismus_und_seine_Symptome.pdf, letzter Abruf 19.03.2026
- (9) https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften/rassismus-diskriminierung-behoerde-amt-polizei-100.html, letzter Abruf 17.03.2026
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Foto von Kamil Kalkan (@kamilklkn) auf Unsplash

