GewALTlasten! – Patriarchale Gewalt hört im Alter nicht auf

2025

Zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen, Mädchen und INTA+ („Orange Day“) 2025 lud die TuBF in Kooperation mit FIBEr e.V. zum Themenabend „GewALTlasten!“ ins August-Macke-Haus. Einblicke und Gespräche zur Gewaltbetroffenheit von älteren und hochaltrigen Frauen und INTA+. Ein Bericht von Johanna Bock.

Es sind vor allem die Fallbeispiele, die von diesem Abend im Gedächtnis bleiben. Eine über 80-Jährige Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird. Die transgeschlechtliche Frau, Maria, die misshandelt wird und Angst hat, sich Hilfe zu suchen. Diese Beispiele gehen nah: weil es eben nicht nur fiktive Menschen sind, sondern weil sich ihre Geschichte so oder so ähnlich täglich abspielt. Nur: Kaum jemand schaut hin.

Patriarchale Gewalt an älteren und hochaltrigen Frauen und INTA+ ist das Thema der diesjährigen Veranstaltung, die die TuBF und FIBEr e.V. anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen, Mädchen und INTA+ veranstaltete. Unter dem Motto „GewALTlasten“ berichten zwei Expert*innen aus der Arbeit mit Gewaltbetroffenen, machen aufmerksam auf Gewaltformen gegen Ältere und geben Hinweise zum Gewaltschutz. Durch den Abend führen Dilara Köse, Psychologin und Therapeutin in der TuBF sowie Hülya Dogan, Vorstandsfrau von FIBEr e.V., die gleichzeitig auch als Finanz- und Verwaltungsfrau in der TuBF tätig ist.

40 Prozent aller Femizide werden an über 60-Jährigen Frauen begangen. Das zeigt ein Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2023. In mehr als drei Vierteln aller Fälle werden die Frauen im Rahmen einer engen Beziehung getötet, wobei 63 Prozent der Tötungen durch Partner und 14 Prozent durch Familienangehörige erfolgen. Söhne, Enkelsöhne, Ehemänner und Brüder werden zu Tätern.

Die Zahlen sind schockierend hoch. Trotzdem gibt es im Hilfesystem unzählige, hohe Hürden für ältere Frauen, sich Hilfe zu suchen. Das erzählt Daniela Halfmann, die bei Paula e.V., einer Fachberatungsstelle für Frauen ab 60 Jahren, arbeitet. Sie ist u.a. systemische Therapeutin sowie Fachberaterin für Psychotraumatologie. Gewalt, sagt sie, kann auch im Kontext von Pflege entstehen und kann diverse Formen annehmen, auch mangelhafte Ernährung oder hygienische Verwahrlosung.

Halfmann macht ein Fallbeispiel, in dem deutlich wird, warum und wodurch Gewalt an älteren Frauen und INTA+ unsichtbar wird. Ihre fiktive Protagonistin ist mobilitätseingeschränkt und körperlich angewiesen auf ihren Mann. Sie erfährt körperliche Gewalt, mehrmals wird die Polizei in ihre Wohnung gerufen. Trotzdem sagt sie: „Die Situation ist auswegslos.“ Eine fehlende Wohnmöglichkeit und ihre körperliche Abhängigkeit lassen sie sich hilflos fühlen. Außerdem bagatellisiert sie die Gewalt, möchte ihren Partner schützen. Die Lösungsvorschläge überfordern sie anfangs. Während Halfmann von dieser Frau erzählt, deren Geschichte kein Einzelfall ist, ist es sehr still im Raum.

Sehr eindrücklich schildert sie auch, unter welchen Gesetzen heute ältere und hochaltrige Frauen und INTA+ gelebt haben und sozialisiert wurden: Erst 1998 wurde die Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand gewertet. Bis 1977 galt die Hausfrauenehe, die vorsah, dass es eine vorgeschriebene Aufgabenteilung gab, die wiederum zu massiver ökonomischer Abhängigkeit führte und bis heute führt. Das sind nur einige der zahlreichen strukturell gesellschaftlich bedingten Risikofaktoren. Ältere, gewaltbetroffene Frauen nehmen seltener Hilfe an, sagt Halfmann, denn die sei häufig mit Scham verbunden. Dazu bestehen weitere Irrtümer, beispielsweise vorschnelle „Altersdiagnosen“. So haben Traumafolgen und Demenzsymptome Ähnlichkeiten miteinander. Es entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Das gesellschaftliche Altenbild führt zu Altersdiagnosen, die wiederum zu Fehldiagnosen führen.

Ihren Vortrag schließt Halfmann so: „Es bleibt viel zu tun: Verhelfen wir älteren und hochaltrigen Frauen zu einem Leben in Würde und ohne Gewalt.“ Paula e.V. hat dafür unterschiedliche Ziele erarbeitet, unter anderem Schutzkonzepte zu etablieren und Notfallhilfe im Bereich Pflege zu ermöglichen.

Dr. Inka Wilhelm wirft einen Blick auf Gewalt insbesondere gegen ältere und alte Lesben und
ältere INTA+-Personen. Wilhelm ist Gerontolog*in und Referent*in in der offenen Senior*innenarbeit sowie im Pflege- und Gesundheitssektor. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf den Themen Queerness und Geschlecht, Trauma im Kontext von Pflege, Alter, Demenz und Sterben.

Wilhelm macht aufmerksam auf queerfeindliche Gewalt: Gewalt aufgrund (angenommener) geschlechtlicher Identität, körperlicher Beschaffenheit, sexueller Orientierung oder ‚Außenwirkung‘ der Personen. Die Fälle dieser spezifischen Gewalt steigen: Wie aus dem aktuellen Lagebericht des Bundeskriminalamts hervorgeht, hat queerfeindliche Gewalt in Deutschland von 2022 auf 2023 um 50 Prozent zugenommen. Besonders häufig betroffen seien dabei trans*-, inter*- und nicht-binäre Personen bzw. Personen, die in ihrer Äußerlichkeit nicht genderkonform wahrgenommen werden. Grund dafür könnte laut Wilhelm die Sichtbarkeit der Queerness sein, denn: „In dem Moment, in dem ich erkennbar werde, bin ich in Gefahr.“ Neben körperlichen und psychischen Folgen entstehe auch ein Minderheitenstress, den Wilhelm so beschreibt: „Man ist permanent gestresst, ob man in einem sicheren Raum ist“. Queerfeindliche Gewalt entsteht häufig in der Öffentlichkeit, sagt Wilhelm. Gerade ältere queere Menschen seien außerdem durch frühere Gewalterfahrungen und biografische Faktoren besonders vulnerabel.

Denn auch hier geht eine lange, gesellschaftliche Diskriminierungsgeschichte der heutigen Realität voraus. Lesbischen Müttern im Scheidungsverfahren wurde bis in die 1990er Jahre das Sorgerecht ihrer Kinder entzogen. Polizei und Justiz seien lange kein sicherer Ort für queere Menschen gewesen, die auch dort stigmatisiert worden seien. So zeigen Wilhelm zufolge 96 Prozent der queeren Menschen keine Hatespeech an, 87 Prozent auch keine körperlichen Übergriffe.

Ähnlich würde sich vermutlich auch Maria verhalten, die transgeschlechtliche Frau aus Wilhelms Fallbeispiel. In die Strukturen eines Gesundheitssystems würde sie sich nicht begeben, weil sie dort die meiste Zeit ihres Lebens als psychisch krank betrachtet wurde. Aber, so schließt Wilhelm, innerhalb der queeren Community könne sie auf wertvolle Ressourcen zurückgreifen: eine hohe Resilienz, „weil ohne schafft man das nicht“. Starke Netzwerke, die sich autonom bilden. Wilhelm sagt außerdem, dass besonders im Gesundheitssektor leicht erste Schritte gemacht werden könnten: Zum Beispiel man Patient*innen fragt, wie sie angesprochen werden möchten oder selbst die eigenen Pronomen teilt, um Awareness und Offenheit zu signalisieren.

In einem Plenum werden anschließend das Gehörte verarbeitet und auch eigene Erfahrungen geteilt. Es wird auch auf Menschen mit einer geistigen und körperlichen Behinderung hingewiesen, die einem besonderen Risiko ausgesetzt sind. Eine Besucherin hebt den feministischen Widerstand der vergangenen Jahrzehnte hervor und sagt: „Wir wissen, was wir erreicht haben und sind stolz darauf.“ Der Abend regt an, gibt Gedankenanstöße und stellt die Frage: „Was kann ich damit anfangen, was ich heute gelernt habe?“ Es bleibt ein gemeinsamer Raum, diesem wichtigen Thema eine Stimme zu geben. Der Abend setzt den Impuls, ältere und hochaltrige Frauen und INTA+ in Zukunft mitzudenken, wenn wir über Gewalt sprechen. Und: mit einem offeneren Herzen herauszugehen.

Die Veranstaltung wurde gefördert vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Durch Mittel des „Inklusionsscheck“ des Aktionsplans „NRW Inklusiv“ wurden die Gebärdensprachdolmetschung sowie die barrierefreie Durchführung der Veranstaltung ermöglicht.

Titelbild von Sabine van Erp auf Pixabay.