11.02.: Internationaler Tag der Frauen, Mädchen und INTA+ in der Wissenschaft
2026Am 11.02. ist der internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Da wir in der TuBF Geschlecht als nicht binär betrachten, schließt für uns dieser Tag auch alle weiteren Wissenschaftler*innen ein, die sich nicht als cis-männlich identifizieren (INTA+ Personen1). Dieser Tag ist wichtig, um an wissenschaftliche Errungenschaften von Frauen, Mädchen und INTA+ Personen zu erinnern, diese sichtbar zu machen und zu würdigen sowie die zukünftige Beteiligung zu fördern. Beschlossen wurde dieser Tag im Dezember 2015 in der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Ausgerichtet wird dieser jährlich durch die UNESCO, UN-Women in Kooperation mit Partnern aus der Zivilgesellschaft.2
Warum fällt es den meisten Menschen 2025 vermutlich immer noch schwer, die Eingangsfragen in diesem Artikel zu beantworten? So manche Person wird jetzt behaupten, dass es in der Geschichte vor allem cis-männliche Wissenschaftler waren, die Bahnbrechendes erforscht haben und sie es deshalb auch sind, deren Namen im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein verankert und im Schulunterricht fest etabliert sind. Ist das zum einen gerechtfertigt und zum anderen sinnvoll?
Einerseits: Mädchen und Frauen wurden historisch lange Zeit der Zugang zu Bildung, Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen verwehrt. INTA+ Personen wiederum blieben lange Zeit unsichtbar aufgrund Diskriminierung und Verfolgung.
Andererseits: Es gab bereits im 19. Jahrhundert nachweislich bedeutsame wissenschaftliche Leistungen von Frauen. Die Physikerin und Chemikerin Marie Curie, die im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert wirkte, ist vermutlich eine der prominentesten weiblichen Wissenschaftlerinnen. Herausragende wissenschaftliche Leistungen von Frauen wurden jedoch oft unsichtbar gemacht. Dieses Phänomen wird auch als Matilda-Effekt bezeichnet und beschreibt „die Tendenz, dass Beiträge von Frauen in der Forschung häufig übersehen, verdrängt oder ihre Entdeckungen männlichen Kollegen zugeschrieben wurden“. Die Namensgeberin dieses Effektes ist die Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage, die 1870 einen Essay über die unsichtbaren wissenschaftlichen Leistungen von Frauen schrieb. Die Historikerin Margaret Rossiter wiederum benannte schließlich ca. 100 Jahre später das Phänomen nach ihr.3
Bekannte Beispiele für den Matilda-Effekt sind Rosalind Franklin und Lise Meitner. Da Sie, liebe Leser*innen, am Ende dieses Artikels die Eingangsaufgabe bewältigen können sollten, holen wir an dieser Stelle das nach, was Sie vielleicht nicht in der Schule gelernt haben:
Rosalind Franklin (1920-1958) war eine erfolgreiche britische Biochemikerin. Ihr wahrscheinlich bedeutsamster wissenschaftlicher Beitrag führte zur Entschlüsselung der Doppelhelixstruktur der DNA – den Nobelpreis hierfür gewannen jedoch ihre männlichen Kollegen Watson und Crick, die ohne den Datendiebstahl von Franklins Aufnahmen und Berechnungen das weltberühmte Modell niemals hätten entwickeln können. Über 15 Jahre lang leugneten sie dies, sehr viel später (lange nach Franklins Tod) räumten sie diesen Umstand ein.4
Lise Meitner (1878-1968) war eine österreichische Physikerin. Sie forschte viele Jahre zusammen mit dem Chemiker Otto Hahn in Berlin, jedoch unter der Bedingung seines Vorgesetzten, dass sie „im Keller bleibe und niemals das Institut betrete“. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Otto Hahn entdeckte sie die Kernspaltung – bei der Verleihung des Nobelpreises wurde sie jedoch übergangen. Diesen gewann Otto Hahn alleine, was sich auch maßgeblich auf das freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden auswirkte.5
Wie sieht es mit INTA+ Menschen in der Geschichte der Wissenschaft aus? Es ist anzunehmen, dass der sogenannte Matilda-Effekt ebenso bei INTA+ Personen wirkt. Die Recherche gestaltet sich hier deutlich schwieriger, vor allem im deutschsprachigen Teil des Internets. Eine Auflistung von bedeutsamen Wissenschaftler*innen, die öffentlich als transgender oder nichtbinär gelebt haben oder leben, findet sich jedoch englischsprachig bei Wikipedia.6 7
Als Beispiel sei die trans Frau Lynn Ann Conway (1938-2024) genannt, eine US-amerikanische Informatikerin. Ihre Arbeit bildet die Grundlage moderner Mikrochip-Architektur, die für moderne Computersysteme (z.B. auch Smartphones, medizinische Geräte) notwendig sind. 1968 wagte sie den Schritt, ihrem Arbeitgeber IBM gegenüber ihrer Transgeschlechtlichkeit zu offenbaren, was zu ihrer Kündigung führte. Es dauerte 52 Jahre, bis IBM sich hierfür entschuldigte und ihre Leistung anerkannte.8 9
Auch wenn posthum die Leistungen von Frauen und INTA+ zum Teil anerkannt und gewürdigt werden, heißt das noch lange nicht, dass dieses Wissen auch im Allgemeinwissen der Gesellschaft, in Schulbüchern, Lehrplänen und Medien ankommt.
Stereotype, dass Mädchen und Frauen weniger wissenschaftlich begabt und interessiert sind, vor allem in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), halten sich hartnäckig und es fehlen weiterhin weibliche Vorbilder, die Mut machen und inspirieren. Die Sichtbarmachung von weiblichen Vorbildern hat nachweisbar einen Effekt darauf, was sich Mädchen und Frauen zutrauen und daher auch auf die Fächer- und Berufswahl von Mädchen. Der mittlerweile empirisch untersuchte „Scully-Effekt“ weist genau darauf hin, wie die Studie des Geena Davis Institute on Gender in Media“ in Zusammenarbeit mit „21st Century Fox“ 2017 zeigt: Bei der Hälfte der 2000 befragten Mädchen/Frauen in englischsprachigen Ländern, die Akte X mit der weiblichen forensischen Medizinerin und FBI-Agentin „Dana Scully“ schauten, stieg das Interesse an Naturwissenschaften und Technik. 63 Prozent konnten sich durch dieses Vorbild vorstellen, in einem von (bislang) Männern dominierten Beruf bestehen zu können. Die Schauspielerin selbst berichtet von zahlreichen Zuschriften von Zuschauerinnen, für die die ikonische Kultfigur Scully ein wichtiges Vorbild war. Anne Simon, eine US-amerikanische Biologie-Professorin und Wissenschaftlerin, die als wissenschaftliche Beraterin für die Serie arbeitete, berichtete 2016 in einem Interview gegenüber der Zeitschrift Smithsonian „Ich fragte meine Klasse, das war vermutlich 1999, ob irgendjemand durch Akte X dazu beeinflusst wurde, hier zu sein: Zwei Drittel der Hände gingen nach oben“.10 11
Wenn eine fiktive TV-Figur eine solche Wirkung haben kann – was hätte es für einen Effekt, wenn im Schulunterricht (natur-) wissenschaftliche FINTA+ Vorbilder vermehrt Einzug finden würden?
Welche aktuellen Wissenschaftler*innen könnten Vorbilder für Frauen, Mädchen und INTA+ sein und Mut machen?
Jedes Jahr werden z.B. in Deutschland seit 1998 Nachwuchs-Forscherinnen mit dem „For Women in Science“-Förderpreis ausgezeichnet. Die UNESCO und die L’OREAL Stiftung fördern in einem Programm weltweit Wissenschaftlerinnen, in Deutschland gemeinsam mit dem Deutschen Humboldt Netzwerk e.V..
2025 fand die Preisverleihung in Düsseldorf statt und es lohnt sich, sich mit den Preisträgerinnen und deren Forschungserrungenschaften zu beschäftigen. Wer reinschnuppern möchte, findet eine Kurzbeschreibung der letztjährigen Preisträgerinnen hier. 12
Leider ist uns ein äquivalentes Förderprogramm, explizit für INTA+ oder andere queere Identitäten nicht bekannt bzw. vermutlich existiert dieses (noch) nicht.
An dieser Stelle ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Sichtbarmachung von Leistungen sowie die Förderung von Frauen und INTA+ Personen in der Wissenschaft, nicht ausreicht, um die Chancen und Beteiligung dieser zu fördern. Vielmehr ist es wichtig, auch strukturelle Problematiken in den Fokus zu nehmen. Beispielsweise übernehmen Frauen häufig mehr Verantwortung und unentgeltliche Aufgaben für ihre Familie (v.a. Betreuung ihrer Kinder, Pflege von Angehörigen, Haushaltsarbeiten), arbeiten u.a. deshalb in Teilzeit, wodurch ihre Karrierechancen in vielen Bereichen, somit auch in der Wissenschaft, massiv eingeschränkt werden. Ein Kernbeleg für diese strukturellen Einschränkungen liefert das statistische Bundesamt, das mit seinen Daten zeigt, dass Frauen nicht proportional zu ihrer Anzahl in der Wissenschaft (Studienabschlüsse, Promotionen) in höheren Positionen (Professuren) zu finden sind.13
Neugierig geworden?
Wer sich weiter mit den Arbeitsbedingungen und Herausforderungen von Frauen in der Wissenschaft beschäftigen will, sei folgender Podcast empfohlen:
- Die Wissen schafft (verfügbar z.B. hier)
Weitere deutschsprachige Formate mit weiblichen Wissenschaftlerinnen:
- Zweimal 2X (Podcast, verfügbar z.B. hier)
- #ForscherinnenFreitag (Podcast, verfügbar z.B. hier)
- MPIC Talks – Frauen in der Forschung (YouTube Videos, verfügbar hier)
Wissenschaftsformat mit einer weiblichen Wissenschaftskommunikatorin:
- MAITHINK X (in der ZDF Mediathek, auf Youtube und Instagram) mit Mai Thi Nguyen-Kim
Instagramformat, das u.a. auch weibliche Forscherinnen aus der Geschichte sichtbar macht:
- Frauen_geschichte (produziert vom BR, verfügbar hier)
Buch zu u.a. unsichtbar gemachten Wissenschaftlerinnen in der Geschichte:
- Leonie Schöller: Beklaute Frauen: Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte (verfügbar z.B. hier)
Deutschsprachige Formate, in denen explizit INTA+ Personen oder queere Wissenschaftler*innen zu Wort kommen, sind bisher leider schwer zu finden. Es sei an dieser Stelle aber nochmal auf die sehr wertvollen, englischsprachigen Wikipedia-Sammlungen hingewiesen, die zahlreiche Portraits queerer wissenschaftlicher Persönlichkeiten beinhalten:
- Übersicht LGBTQ-Scientists, verfügbar hier
- Transgender Scientists, verfügbar hier
- Nonbinary Scientists, verfügbar hier
Wir freuen uns immer sehr über Hinweise oder Tipps von unserer Leser*innen!
Fußnoten/Quellen:
- (1) INTA+ ist eine (politische) Bezeichnung für alle intergeschlechtlichen, nicht-binären, transidenten und a-gender Menschen, wobei das + Platz für weitere Selbstdefinitionen lässt von jenen, die sich nicht in einer binär erklärten Welt wiederfinden. Das F von Frauen gemeinsam mit INTA+ bildet FINTA+. ↩︎
- (2) https://www.unesco.at/wissenschaft/artikel/article/11-februar-internationaler-tag-der-frauen-und-maedchen-in-der-wissenschaft ↩︎
- (3) https://www.geo.de/wissen/matilda-effekt–die-unsichtbaren-frauen-der-forschung-33234972.html ↩︎
- (4) https://www.swr.de/swrkultur/wissen/wie-rosalind-franklin-um-den-nobelpreis-betrogen-wurde-vergessene-entdeckerin-der-dna-struktur-102.html ↩︎
- (5) https://www.ardalpha.de/wissen/geschichte/historische-persoenlichkeiten/lise-meitner-physik-kernspaltung-physikerin-frau-geschichte-frauengeschichte-100.html ↩︎
- (6) https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Transgender_scientists ↩︎
- (7) https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Non-binary_scientists ↩︎
- (8) https://de.wikipedia.org/wiki/Lynn_Conway ↩︎
- (9) https://dgti.org/2024/06/13/nachruf-lynn-conway/ ↩︎
- (10) https://geenadavisinstitute.org/research/the-scully-effect-i-want-to-believe-in-stem/ ↩︎
- (11) https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/i-want-believe-science-x-files-180958249/
↩︎ - (12) https://www.unesco.de/aktuelles/loreal-unesco-foerderpreis-for-women-in-science-2025/ ↩︎
- (13) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_442_213.html ↩︎

