1. März 2026: Equal Care Day – Wertschätzung von Sorgearbeit! Jetzt!

2026

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann, das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein“, sang Johanna von Koczian 1977 und zeigte mit Einsatz provokativer Ironie schon damals die Geringschätzung von Sorgearbeit auf. Auch heutzutage übernehmen 80% der sog. Care-Arbeit Frauen – sei es in der Familie oder in sozialen und pflegenden Berufen.

Wir laden Sie ein, sich zur Einstimmung in das Thema Sorgearbeit ein paar Zeilen aus dem oben zitierten Song anzuhören, bevor Sie den Artikel weiterlesen:

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Was die Zeilen in Ihnen auslösen, hängt vermutlich stark damit zusammen, inwiefern Sie selbst Care-Arbeit verrichten oder in der Vergangenheit verrichtet haben, ob Sie hierfür Wertschätzung erhalten haben oder nicht, welche Nachteile sich hieraus vielleicht für Sie entwickelt haben oder auch ob Sie mit diesem Thema bisher keine großen Berührungspunkte hatten. Hinter den von der Sängerin selbstbewusst dargebotenen Zeilen steckt eine elementare System-Kritik, der wir uns auch heutzutage noch anschließen können.

Was ist der Equal Care Day?

Genau genommen findet der Equal Care Day am 29. Februar statt. Moment, aber dieses Jahr haben wir ja gar kein Schaltjahr? Genau, das ist der Gedanke dahinter! Care-Arbeit – auch häufig übersetzt mit Fürsorge-Arbeit, Sorge-Arbeit, soziale Arbeit oder auch Pflege-Arbeit – wird häufig übersehen und übergangen. So wie der 29. Februar, der nur alle vier Jahre stattfindet, in den anderen Jahren ist er unsichtbar. Alle vier Jahre – diese Symbolik weist auch auf die Realität hin, dass ca. 80% der beruflichen und privaten Care-Arbeit von Frauen übernommen wird, denn Männer brauchen im Durchschnitt vier Jahre, um den Umfang an Care-Arbeit zu erbringen, den Frauen in einem Jahr leisten. Das Ziel des Equal Care Days ist es, eine faire Vergütung von beruflicher Pflege- und Fürsorgearbeit zu erwirken, private unbezahlte Care-Arbeit sichtbar zu machen, fairer zu verteilen und die strukturelle Diskriminierung abzubauen. Strukturelle Diskriminierung meint an dieser Stelle z.B., dass Menschen (vor allem Frauen) durch ihre unbezahlte Mehrarbeit in der Familie/im Umfeld sowie fehlenden familienfreundlichen Arbeitsbedingungen in schlecht bezahlte Jobs gedrängt werden oder gar ganz aus dem Berufsleben ausscheiden, dadurch weniger Möglichkeiten für finanzielle Unabhängigkeit sowie für eine ausreichende Vorsorge im Alter haben. 1 2

Der Bundesverbald Equal Care, der auch im weiteren Artikel noch mehrfach zitiert werden soll, erklärt den Equal Care Day anschaulich in einer Minute in folgendem Video:

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„Gender Care Gap“ – was bedeutet das?
Damit ist die Differenz bzw. Lücke (englisch „Gap“) zwischen dem Anteil der Care-Arbeit gemeint, den Frauen im Vergleich zu Männern investieren. Wie im ersten Absatz beschrieben, beträgt das Verhältnis ca. 4:1. In Familien mit kleinen Kindern beträgt die Gender Care Gap sogar 110%, das heißt, Frauen leisten täglich über 2 1/2 Stunden mehr Sorge-Arbeit als Männer. Arbeit, die nicht vergütet wird und somit zu einem immer größeren Ungleichgewicht in hetereosexuellen Partnerschaften führen. 69% der Mütter, aber nur 6% der Väter arbeiten Teilzeit.3 Die Folgen hieraus sind vielfältig, insbeondere wenn innerhalb der Beziehung keine Ausgleichszahlungen getroffen werden: Finanzielle Abhängigkeit erhöht z.B. das Risiko, Gewalt in einer Partnerschaft zu erfahren4 , die Gefahr von Altersarmut steigt (Gender Pension Gap – geschlechtsspezifische Rentenlücke).5

In unserer psychosozialen Beratungarbeit mit Frauen und INTA+ begegnet uns immer wieder das Thema der geringgeschätzten unentgeltlichen Care-Arbeit. Fehlende Wertschätzung sowohl im finanziellen Sinne als auch im Ansehen dieser Arbeit. Dabei fällt uns auf, dass viele Menschen, die tagein tagaus unentgeltlich für die Familie, im sozialen Umfeld und im Ehrenamt ihre Arbeitskraft einbringen, selbst nicht realisieren, welche enormen Leistungen sie erbringen und diese klein reden, selbst wenn die Arbeitsbelastung in die Erschöpfung oder Depression führt („ich arbeite ja gar nicht“, „das ist doch meine Aufgabe als Elternteil/als Angehörige/…“, „das mache ich doch gerne“, „ich habe es ja selbst so entschieden“). Denn, in unserer patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaft ist klar definiert, was als „Arbeit“ bezeichnet werden darf und was nicht. Dass unbezahlte Carearbeit genau wie Lohnarbeit als Arbeit gelten könnte, ist somit erstmal in der Vorstellung vieler Menschen nicht vorgesehen. Doch, wie der Bundesverband „Equal Care“ auf seiner offiziellen Website zum Equal Care Day aufklärt, ist Arbeit laut OECD und der Kommission zum zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung „all das, was auch eine andere Person (gegen Bezahlung) erledigen könnte“.6

Ein Gedankenspiel zur Wertigkeit von Care-Arbeit in einer Beziehung oder in einer Familie:
Wenn der Großteil der Sorgearbeit in einer Beziehung oder Familie nicht kostenlos von einer Person erledigt werden würde (in heteronormativen Beziehungen statistisch gesehen zumeist von der Frau) müsste die geldverdienende Person (statistisch gesehen in heteronormativen Beziehungen zumeist der Mann) gegen Bezahlung z.B. Hemden zum Waschen und Bügeln in eine Wäscherei bringen, gekochtes Essen gegen Bezahlung von einem Lieferservice oder Restaurant beziehen, eine Putzkraft einstellen, für Kinder in der Beziehung müsste eine Betreuung über Kita/Schulzeiten hinaus engagiert werden, zudem einen Fahrdienst für diese etc. ODER alternativ müsste der Mann weniger arbeiten, diese Aufgaben selbst erledigen, was wiederum zu einem Karriereabstieg oder Jobwechsel in einen geringer bezahlten Job mit sich bringen könnte.

Ein Rechenbeispiel zur Wertigkeit von Care-Arbeit in einer Familie:
In einer hetereonormativen Familie mit zwei Kindern übernimmt eine Person (meistens, wenn auch nicht immer, die Mutter) den Großteil der Care-Arbeit. Eines der Kinder ist unter sechs Jahren, d.h. laut Statistischem Bundesamt, leistet diese Person ca. 48 Stunden Care-Arbeit in der Woche.7 Hier sind alle Aufgaben miteinberechnet, von klassischer Hausarbeit wie Einkaufen, Putzen, Kochen, Wäsche waschen bis hin zu Bring- und Abholdiensten, Pflege-Aufgaben, emotionaler Arbeit, Hausaufgabenhilfe etc.. Wir nehmen in unserem Rechenbeispiel den seit 1. Januar 2026 geltenden gesetzlichen Mindestlohn von 13,90€/Stunde. Laut online verfügbaren Gehaltsrechner würde sich hieraus ein Brutto-Monats-Gehalt von ca. 2900€ und ein Netto-Gehalt von ca. 2000€ ergeben. Gehen wir nicht vom Mindestlohn aus, sondern vom deutschen Durchschnittsgehalt (25,96€/Stunde, Stand 2024)8, so wäre das Brutto-Gehalt ca. 5400€ bzw. Netto-Gehalt ca.3300€.

Die Rahmenbedingen von hauptberuflich Fürsorge-Arbeitenden (auch häufig als „Hausfrau“ oder „Hausmann“ bezeichnet):
Die Arbeitszeiten sind rund um die Uhr, inklusive Wochenend-Arbeit. Urlaubstage sind erstmal nicht vorgesehen. Den monetären Gegenwert dieser Arbeit bekommt die Person nicht, zumindest nicht direkt. Auf den Lohn, den die geldverdienende Person in der Beziehung verdient, hat die Fürsorge-Arbeitende keinen Anspruch, im schlimmsten Fall bestimmt die lohnarbeitende Person auch, für was Geld ausgegeben wird und was nicht. Ein finanzielles Machtgefälle entsteht. Häufig fehlt darüber hinaus auch die zwischenmenschliche Wertschätzung der geleisteten Arbeit, sei es innerhalb der Beziehung, vom sozialen Umfeld und der Gesellschaft. Dass die Lohnarbeit leistende Person ihren Verdienst ohne die Rückendeckung der sorgenden Person gar nicht in diesem Umfang leisten könnte, wird häufig ausgeblendet.

Mental Load – die mentale Belastung von Sorgearbeit:
Ein Teil der Care-Arbeit ist besonders unsichtbar: „Mental-Load – die Last der Verantwortung für das Organisieren von Haushalt und Familie im Privaten, das Koordinieren und Vermitteln in Teams im beruflichen Kontext sowie die Beziehungspflege und das Auffangen der Bedürfnisse und Befindlichkeiten aller Beteiligten in beiden Bereichen“.9 Was heißt das jetzt konkret? Es geht um den unsichtbaren Denk- und Organisationsaufwand, den eine Person im Rahmen ihrer Care-Verantwortung verrichtet. Nach außen hin sichtbar ist nur ein Bruchteil davon.

Ein Beispiel: Welcher Mental Load entsteht, wenn ein Kind in einer Familie zu einem Kindergeburtstag eingeladen wird?
Der Familienkalender muss nach Verfügbarkeit überprüft werden und der Termin dort ebenso notiert bzw. anderen Familienmitgliedern mitgeteilt werden. Ein Elternteil oder eine andere Bezugsperson muss dafür eingeteilt werden, um das Kind zum Feierort zu bringen. In diesem Zuge muss die Adresse und die Anfahrtdauer recherchiert und geplant werden. Eventuell kann eine Bring- oder Abholgruppe mit anderen Eltern organisiert werden, hierfür muss erstmal herausgefunden werden, wer zu dem Geburtstag eingeladen ist, wie deren Kontaktdaten sind, um sich dann mit den anderen Eltern in Verbindung zu setzen. Dann muss sich um ein Geschenk gekümmert werden, hierfür ist zunächst eine Idee notwendig (die Eltern des Kindes fragen oder selbst recherchieren, in einem Spielwarengeschäft sich beraten lassen) und dieses kaufen, ggf. noch verpacken und daran denken, am Tag des Geburtstages dieses mitzugeben. Auch auf Besonderheiten der Geburtstagsfeier muss geachtet werden, ggf. noch Dinge organisiert (Verkleidung? Materialien?) oder daran gedacht werden, eine bestimmte Kleidung dem Kind mitzugeben (Regenjacke, Badekleidung etc.).10 Am Tag des Festes ist das eingeladene Kind vielleicht aufgeregt oder hat Ängste, hier ist vielleicht ein unterstützendes Gespräch hilfreich. Auch nach dem Fest hat das Kind vielleicht Gesprächsbedarf, eine Reizüberflutung oder sonstige Anliegen, auf die flexibel von der sorgenden Person eingegangen wird.

Wie viel Care Arbeit und Mental Load übernehmen Sie zu Hause bzw. in der Familie?

Wer mag, kann hier zu den unbezahlten Aufgaben von Haushalt und Familie einen vom Bundesverband Equal Care Day kostenfrei zur Verfügung stehenden Mental Load Test ausfüllen und gemeinsam mit der Partner*in herausfinden, wer in der Partnerschaft welche Care-Arbeit und wie viel Mental Load übernimmt. Von Kochen, Wäsche waschen über Emotionsarbeit, Geburtstagsgeschenke für Familie und Freund*innen besorgen bis hin zum Koordinieren von Arztterminen, Organisieren von Festen, den zahlreichen Aufgaben in der Elternschaft, insofern auch Kinder Teil der Familie sind, sowie ggf. in der Pflege von Angehörigen. Der Test kann als eine Gesprächsgrundlage für Paare und Familien zur fairen Verteilung gemeinsamer Aufgaben dienen. Er kann aber auch als Selbsttest für die auszufüllende Person diesen, um für sich selbst sichtbar zu machen, was zur eigenen Arbeitsliste dazu gehört und somit zur Selbstwertschätzung beitragen.

Interesse an Veranstaltungen zum Equal Care Day?

Das Equal Care Day-Festival 2026 vom Bundesverband Equal Care findet online am 1. März 2026 statt. Informationen und Anmeldung hierzu finden Sie hier.

Auch die Gleichstellungsstelle der Stadt Bonn bietet im Laufe des März 2026 mit Kooperationspartnern verschiedene Veranstaltungen anlässlich des Equal Care Day an. Infos zu den Angeboten finden sie hier.


Wichtige Anmerkungen zu diesem Blogbeitrag:

In diesem Beitrag ist zumeist nur die Sprache von Frauen und Männern. Wir als feministische Beratungsstelle sehen Geschlecht zwar als nicht binär, jedoch wird in Studien bisher zumeist nur zwischen Frau und Mann unterschieden, Daten zu INTA+ Personen sind (zu diesem Thema) leider rar. Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass auch viele INTA+ Menschen sowohl beruflich als auch privat Care-Arbeit verrichten, in welchem Umfang ist nur nicht separat erfasst. Es ist es uns wichtig zu betonen, dass wir uns für die Wertschätzung und Sichtbarkeit von Care-Arbeit einsetzen, unabhängig vom Geschlecht der Personen, die diese verrichten. Uns ist wichtig, Politik und Gesellschaft dazu anzuregen, dass Care-Arbeit mehr Wertschätzung und Berücksichtigung findet sowie dass den kurz- und langfristigen (finanziellen) Nachteilen und Abhängigkeiten entgegengewirkt wird.

Der Fokus in diesem Blogbeitrag liegt vor allem auf der privaten, unbezahlten Care-Arbeit, das heißt auf Haushalts-, Fürsorge- und Pflegearbeiten in der Familie und im Umfeld. Das heißt nicht, dass die Vergütung von beruflicher Care-Arbeit nicht ebenso wichtig und auch ein Herzensthema von uns ist, dieses wird aber zu gegebener Zeit an andere Stelle behandelt.

Auch geht dieser Beitrag nicht im Detail auf die Leistungen von alleinerziehenden Elternteilen, Eltern von Kindern mit Behinderungen oder auch Menschen, die Angehörige pflegen ein. Diese seien an dieser Stelle nochmal bewusst benannt, da deren Einsatz von Care-Arbeit bei weitem über den oben genannten Durchschnittswerten an investierter Fürsorge-Arbeit liegt.

Quellen:

  1. Was ist Care? Bundesverband Equal Care: https://equalcareday.org/haeufigste-fragen/ ↩︎
  2. Wie kommt ihr auf die 80%? Bundesverband Equal Care: https://equalcareday.org/faq-wie-kommt-ihr-auf-die-80/ ↩︎
  3. Wie kommt ihr auf die 80%? Bundesverband Equal Care: https://equalcareday.org/faq-wie-kommt-ihr-auf-die-80/ ↩︎
  4. idw: Informationsdienst Wissenschaft – Armut und finanzielle Sorgen erhöhen Risiko für Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften: https://nachrichten.idw-online.de/2025/09/16/armut-und-finanzielle-sorgen-erhoehen-risiko-fuer-gewalt-gegen-frauen-in-partnerschaften ↩︎
  5. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/93950/422daf61f3dd6d0b08b06dd44d2a7fb7/gender-pension-gap-data.pdf ↩︎
  6. Was ist Arbeit? Bundesverband Equal Care: https://equalcareday.org/haeufigste-fragen/ ↩︎
  7. Destatis – Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressekonferenzen/2024/zve2022/pm-zve.pdf?__blob=publicationFile&v=5 ↩︎
  8. Destatis – Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-2/stundenlohnl.html ↩︎
  9. Mental Load – Bundesverband Equal Care: https://equalcareday.org/mental-load/ ↩︎
  10. Mental Load – Bundesverband Equal Care: https://equalcareday.org/mental-load/ ↩︎

Die Illustrationen in diesem Beitrag stammen von Nadja Donauer auf Pixabay. Vielen Dank!
Das Beitrag-Bild stammt von Oberholster Venita auf Pixabay. Vielen Dank!