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TuBF Statement

zu der Ausstellung "Opfer" des WEISSEN RING

2011 im Stadthaus Bonn

Ermutigen statt schockieren!

Die TuBF Frauenberatung in Bonn begleitet seit fast 30 Jahren Frauen beraterisch und therapeutisch nach Gewalterfahrungen. Mit diesem Hintergrund möchten wir eine fachliche Rückmeldung zu der Ausstellung „Opfer“ geben.

Unser Statement beurteilt nicht den Prozess der Auseinandersetzung, den die Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar als GestalterInnen der Ausstellung miteinander eingegangen sind. Unser Statement beurteilt die Wirkung der Exponate als öffentliche Ausstellung.

Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil (Gang links) ist durchaus sehenswert. Es handelt sich um kreative, sinn- und phantasievolle Exponate, die dazu dienen, den Weissen Ring bekannt zu machen.

Den zweiten Teil schätzen wir ganz anders ein: dieser Teil ist nicht dazu geeignet, Sensibilität für Gewaltsituationen zu fördern und Mitgefühl mit Menschen in oder nach Gewalterfahrungen zu wecken. Im Gegenteil. Es handelt sich um gewaltvolle Darstellungen, die wir nicht anschauen können und wollen und weder anderen Frauen noch anderen Männern zumuten möchten. Insofern laden diese Objekte eher zum Wegsehen, als zum Hinsehen ein.

Die Bilder dieser Ausstellung können Menschen, die als Kinder oder erwachsene Frauen Opfersituationen erlebt haben, in Ohnmachts- oder Schockzustände zurückversetzen und der Seele oder dem Genesungsprozess schaden. Der in öffentlichen Kampagnen gegen „Kindesmissbrauch“ (ein mediales Schlagwort, das sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Missbrauch von Vertrauen und Abhängigkeit meint) immer wieder replizierte Satz „Das Schweigen hat mich ein Leben lang zum Opfer gemacht“ verdreht in unguter Weise Verantwortung. Nicht das eigene Schweigen der Betroffenen macht zum Opfer, sondern die Gewalttat. Gewalttaten manifestieren Opfererfahrungen, die mit sensibler, achtsamer und respektvoller Unterstützung überwunden werden können. Unabdingbar ist dabei, eine (auch gesellschaftliche) Anerkennung der Leiderfahrung, ohne aber, wie es die Ausstellung „Opfer“ tut, Betroffene auf den Opferstatus zu reduzieren.

Wenn die Intention dieser Ausstellung war, eine Abstumpfung gegenüber der Gewalt zu verhindern, kann das nicht erreicht werden, indem der ungezügelten Präsenz von Gewaltdarstellungen in den Medien hier eine noch gesteigerte Schockwirkung entgegengesetzt wird. Damit Menschen, die ZeugInnen von Gewalt werden, nicht wegsehen und schweigen, sondern handeln, braucht es kein Wachrütteln, sondern Ermutigung.

Ermutigung dabei, 1. das Ereignis zu bemerken, 2. die Situation einzuschätzen, 3. Die Verantwortung zu übernehmen, 4. zu entscheiden, was hilft und 5. zu helfen. (aus Studien zum „Zuschauereffekt „).

Und das ist gar nicht so einfach. Deshalb braucht es dafür Ermutigung, Unterstützung und einen gesellschaftlichen Dialog über Gewaltdynamik, über Recht und Unrecht.

In unserer Arbeit als Therapeutinnen legen wir Wert darauf, Frauen - gerade wenn sie Gewalt erlebt haben - in ihrer Handlungsfähigkeit, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Subjektivität wahrzunehmen und zu stärken. Auch die Komplexität von möglichen Verstrickungen zwischen Opfererfahrungen und eigener TäterInnenschaft müssen benannt, geklärt und verarbeitet werden können.

Festschreibungen auf unschuldige Opferidentitäten und schuldige Täterbilder sind eher geeignet, Machtverhältnisse zu konservieren. Vielmehr geht es darum, zu erkennen, wie Frauen aus einer Gewaltdynamik aussteigen können, wie sie sich aus Opfersituationen befreien können. Dazu brauchen sie die Möglichkeit, verantwortungsvoll zu handeln. Sie brauchen eine Gesellschaft, die für alle Mitglieder seelische und körperliche Unversehrtheit und Integrität garantiert und dafür finanzielle und strukturelle Angebote bereitstellt. In Bonn (und anderswo) kann dabei auf die Kompetenz und Erfahrung der Frauen in Frauenberatungsstellen und Frauenhäusern zurückgegriffen werden. Finanzielle Absicherung dieser Projekte und ein wacher engagierter Einsatz für ein gewaltfreies gesellschaftliches Klima sind dafür unerlässlich.

TuBF im Juni 2011


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